Ambivalenz der Toleranz
„Ambivalenz macht uns Angst“ ist der Schlusssatz des Kulturtheoretikers Homi K. Bhabba im Interview mit Harald Staun in der FAS vom 31. Januar 2010. http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=common/zwischenseite.asp&dx2={476E2AC7-50D9-D2D5-9E4B-3E7A4E973ACD}&rub={F95D90E4-8000-4A43-A338-954FFEDDA3F2}
Er berichtet darin von einem Erlebnis, das ihn selbst an die Grenzen seiner Toleranz führte: Eingeladen, auf einer Konferenz in Manchester über die Kopftuchdebatte zu sprechen, begegnet im ausgerechnet auf der Zugfahrt dorthin eine Frau, die eine Burka trägt. Als sie beim Aussteigen an ihm vorbei läuft, sieht er „eine sehr tief sitzende Jeans – und ein Tattoo. Sie spielte ganz klar eine Rolle, lebte an einer bestimmten Grenze und versuchte, das zu ihrem persönlichen Stil zu machen, aber auch zu ihrem persönlichen Glauben. Sie war absolut ambivalent. Von vorne sah sie aus, als käme sie vom Golf, von hinten, als käme sie aus SoHo, New York.“
Bei mir tauchte sofort die Frage auf, wie ich reagiert hätte. Sicher nicht unbeteiligt, ich sehe Burkas trotz meiner Vorliebe für Orientreisen auch höchst selten. Schließlich sind sie ein starkes Symbol. Mithin ein Grund für die kontroverse Diskussionen um dieses Kleidungsstück. Tattoos sind auch starke Symbole – über die wird meiner Wahrnehmung nach nicht sehr häufig diskutiert. Vielleicht einfach nur, weil es so viele geworden sind?
Toleranz hat sicher etwas mit Verbreitung und Gewöhnung zu tun. Und mit Sinn, den eine Aussage oder Handlung in einer Gesellschaft macht. In der Welt, in der diese Frau lebt, scheint es ihr sinnvoll zu sein, eine Burka zu tragen. In der geografisch möglich-erweise gleichen Welt erschiene es mir nicht sinnvoll – weil uns unsere soziale Welt unterscheidet.
Nun führen Migration und Globalisierung dazu, dass wir immer häufiger Raum und Zeit teilen – aber unterschiedliche Ansichten von der Regelung dieser Begegnungen haben. Die große Frage ist, ob und wie wir diese Regeln verhandeln. Bhabba fordert, dass es Foren geben muss, „in denen man über Normen und Gesetze diskutieren kann, und zwar mit der Perspektive, dass Veränderungen möglich sind.“
Mir gefällt diese Idee, zumal ich davon überzeugt bin, dass nur sich anpassende soziale Systeme überlebensfähig sind. Diktaturen sind meines Wissens alle früher oder später gescheitert, mit zum Teil grausamen Verlusten über Generationen hinweg. Auch stimme ich mit Bhabba überein, dass aus der Position des Bildungsfernen oder materiell Schwachen ein geschlossenes Weltbild attraktiv wirkt und dass darum Bildung und soziale Gerechtigkeit herausragende Aufgaben sind, die meines Erachtens seitens der Politik noch recht unbeholfen angegangen werden.
Gleichzeitig bin ich an genau der Stelle ambivalent. Fordert wirkliche Toleranz nicht, dass alle ihren Lebensraum haben? Auch diejenigen, die keine Foren, keine Auseinan-dersetzung wollen? Ist es unter Umständen einfach nur eine kleine Justierung der eigenen Haltung, die erst ein Gespräch möglich macht? Auseinandersetzung auf der berühmten Augenhöhe statt Missionarstum? Ich freue mich auf Beiträge, Meinungen, Kritik, Gedanken … Welcome!