Ambivalenz der Macht

Febr. 02 2010

Warum setzen sich Entscheidungen durch, die keiner wirklich will?

Das Phänomen kennen viele, ich leider auch: Eine Besprechung beginnt, der Gesprächs-verlauf mäandert ohne Moderation vor sich hin, am Ende müssen Entscheidungen getroffen werden. Bleierne Schwere legt sich auf den Raum, gespeist von einer Mischung aus Unsicherheit, Demotivation, Opportunismus sowie der Sehnsucht, den Raum so schnell wie möglich verlassen zu dürfen.

Schade eigentlich, denn je nach Thema werden wichtige Weichen gestellt für die Zukunft aller am Tisch Sitzenden. In aller Regel werden die Entscheidungen dann vom Ranghöchsten oder einem warum auch immer autorisierten Küchenkabinett getroffen. Kollateralschaden: Viele der Besprechungsteilnehmer sind angesichts der ihnen nicht sinnvoll erscheinenden Entscheidungen enttäuscht.

„Ich habe keine Zeit für solch ein Befindlichkeitsballett“ könnte man sagen, wenn die Folgen nicht weiter reichten als „nur“ Kollegen und Mitarbeiter zu frustrieren. Im Deutschlandradio interviewte Matthias Hennies einen australischen Desasterforscher, Greg Bankoff http://www.dradio.de/dlf/sendungen/studiozeit-ks/1114697/. Er untersucht, wie es zu Entscheidungen kommt, die keiner haben will. Er führt die „Pfadabhängigkeit“ an. Also das weitere Beschreiten eines Pfades, der jedoch für die aktuellen Umstände nicht mehr passend ist. Prototypische Sätze dafür sind: „So haben wir das schon immer gemacht.“ „Das entspricht dem Stil unseres Hauses.“ „Wir haben schon so viel in diese Technik/ diesen Bereich investiert, den Weg müssen wir weiter gehen.“

Eine solche Haltung kann fatal werden. Im gleichen Beitrag wird Harald Welzer, Spezialist für den Zusammenhang von psychischen und sozialen Phänomenen, zitiert. Er illustriert am Beispiel der Wikinger, was durch etablierte Pfadabhängigkeiten passieren kann. Die Wikinger wollten sich im 10. Jahrhundert in Grönland ansiedeln, was ihnen jedoch nicht gelang. Unter anderem aßen sie aus kulturellen Gründen keinen Fisch, setzten aus tradierten Statusgründen auf Rinderzucht. In Grönland Rinder zu züchten ist wegen des Wetters jedoch ein teures Vorhaben: „Sie mussten die Tiere den größten Teil des Jahres über im Stall halten und auf den kargen Äckern zusätzliches Viehfutter erwirtschaften.“

Kulturelle Pfadabhängigkeit hat meines Erachtens viel mit Machtverteilung zu tun. In Besprechungen wie der oben dargestellten ist allen Beteiligten bewusst oder unbewusst klar, wo eigentlich die Entscheidungen getroffen werden. Sie wollen und werden sich nicht wirklich engagieren. Wozu auch? Ob ihre Überlegungen und Ideen einfließen, ist höchst unsicher. Vielleicht ist es sogar gefährlich, sie zu äußern. Im Prinzip ähneln solche Besprechungen sowjetischen Parteitagen en miniature. Dieses System jedoch ist in großem Stil gescheitert.

Fazit: Das Phänomen der Pfadabhängigkeit kann gefährlich werden für Organisationen. Am besten schützen sie sich dagegen, indem sie im eigenen Haus versammelte Expertise nachvollziehbar in ihre Entscheidungen einbeziehen. Das ist definitiv Aufgabe der Führung – der qua Hierarchie zugewiesenen Machtposition. Und erfordert je nach Typus Mensch auf dieser Machtposition Mut zum Wandel, der nicht zu unterschätzen ist. Die gute Nachricht: Den Mut kann man auch erst einmal bei weniger bedeutsamen Themen entwickeln, um zu sehen, ob die Rechnung aufgeht. Die Gleichung ist einfach: Ergebnisoffenheit und Diskussion auf Augenhöhe = Entscheidungen, die alle wollen.

()

Page 1 of 1