Ambivalenz der Macht

Febr. 03 2010

Kluge Gedanken, erschreckender Anlass

Das Berliner Canisius-Kolleg, eine  “Eliteschule” des Jesuitenordens, ist seit einigen Tagen in der Presse, weil der Verdacht des Missbrauchs durch Lehrende an Schülern besteht und teilweise bereits zugegeben wurde. Im heutigen Berliner “Tagesspiegel” findet sich dazu ein Interview mit dem heutigen Rektor der Schule: http://www.tagesspiegel.de/berlin/Canisius-Kolleg-Pater-Mertes;art270,3019458. Viele Aussagen in diesem Dialog finde ich sehr klug. Sie gaben mir das beruhigende Gefühl, dass da jemand ist, der aufrichtig an Aufklärung interessiert ist und zudem die Gefühle der Opfer achtet und ihre Grenzen wahrt.

Inspirierend fand ich seine Antwort auf die Frage, warum die Missbrauchsfälle gerade die Jesuiten besonders stark träfen: “Das Herzstück unseres Glaubens dreht sich um das Lehrer-Schüler-Verhältnis und um die Frage, wie man in solch asymmetrischen Machtverhältnissen handelt. Der Heilige Ignatius sagte, der Lehrer muss in der Mitte der Waage stehen, er muss seine Balance finden und seine eigenen Interessen zurückstellen. Er muss die Grenzen des Schülers anerkennen. Nur so können Jugendliche lernen, freie Menschen zu werden. Was sich zugetragen hat, ist der schlimmste Verrat an unserer Spiritualität.”

Ein gutes Bild, auch für Führungspositionen. Eine Balance in der Dynamik des Alltags finden. Eher dienen als herrschen. Die Freiheit des Anderen wertschätzen und achten. - Meiner Beobachtung fehlt es am Bewusstsein für Führungsaufgaben, an der spezifischen Ausbildung, die diese Gedanken beinhaltet und vor allem an Zeit, um Balance zu finden und im aufgezeigten Sinne zu führen.

Zum Aspekt der Zeitknappheit gibt es übrigens eine überraschende Studie in Harvard Business Review http://blogs.bnet.com/harvard/?p=3850. Ergebnis des zweistufigen Experiments bei der Unternehmensberatung BCG: Wer (intelligent organisiert) weniger Zeit mit Arbeit verbringt, ist zufriedener, erzielt bessere Ergebnisse und hat glücklichere Kunden. – In diesem Sinne: Wie wäre es mit Feierabend?

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