Die ganz persönliche Ambivalenz
Gedanke heute beim Spaziergang: Als gute, unternehmerisch agierende Führungskraft muss man das System, welches einen ernährt, kontinuierlich an die sich verändernden Umweltbedingungen anpassen. Also sich mehr an den wirklichen Bedürfnissen der Kunden orientieren, für eine bessere Work-Life-Balance sorgen, Trends der Branche antizipieren usw. Das alles in einer immer schneller agierenden Umwelt.
Das bedeutet mehr Phasen von Veränderung als bisher, sprich potenziellen Widerstand des Systems. Die ganz persönliche Ambivalenz der Führungskraft besteht darin, die Notwendigkeit von Veränderung zu bejahen und in Handlungen umzuwandeln - und gleichzeitig mit der Angst leben zu können, dass das System sich von dieser Führungskraft gestört fühlt, es Konflikte gibt. Sich im extremsten Fall beide wieder voneinander lösen. Damit sind Ängste um Anerkennung, Einkommen und Status verbunden - also mächtige Motive von Personen.
Konfliktfähigkeit und das konstruktive Managen von Veränderungen werden also zu Kernkompetenzen. Anschlussfähige Kommunikation wird die entscheidende Disziplin.
Niklas Luhmann: „Begreift man Kommunikation als Synthese dreier Selektionen, als Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen, so ist die Kommunikation realisiert, wenn und soweit das Verstehen zustande kommt.” Luhmann, N.; Soziale Systeme, Grundriss einer allgemeinen Theorie; Frankfurt a. M. 1984, S. 203 —- Klingt einfach, ist aber im Detail ganz schön „tricky“. Denn der Empfänger muss die Mitteilung nicht annehmen beziehungsweise hat verschiedene Ebenen, auf denen er dies tun kann.

Luhmann sagt weiter: „Man muss beim Adressaten der Kommunikation das Verstehen ihres Selektionssinnes unterscheiden vom Annehmen bzw. Ablehnen der Selektion als Prämisse eigenen Verhaltens. Diese Unterscheidung ist theoretisch von erheblicher Bedeutung.“ (ebd.)
Sie ist auch von erheblicher praktischer Bedeutung. Ich verstehe ihn hier so (er ist ja trotz aller Genialität auch kein Meister missverständnisfreier Kommunikation;-): Ich kann als Adressat von Kommunikation, beispielsweise als ein von einer Fusion betroffener Mitarbeiter, kommunikativ annehmen, dass von mir ein bestimmtes Verhalten gewünscht wird. Diese Annahme kann aber völlig losgekoppelt vom Annehmen des Sinns dieser Handlung sein: „Ich verfahre jetzt so, wie die Firma, die uns übernimmt, das will. Meiner Erfahrung mit unseren Kunden nach ist das aber ein Rückschritt.“ Mittel- und langfristig geht die Freude an der Arbeit verloren, der Begriff der „inneren Kündigung“ bringt das gut zum Ausdruck.
Auf jeder Ebene in Unternehmen und öffentlichen Organisationen stellt sich also die Frage dieser ganz persönlichen Ambivalenz: Stillhalten und mitmachen? Oder mitdenken und mitreden?