„Qualität kommt von Qual“?
Neulich Abend im Gespräch fiel der Satz „Qualität kommt von Qual.“ Hintergrund war die schon häufiger erlebte Diskussion, ob „unsere“ Generation der zwischen Mitte 30 bis 50-jährigen, inzwischen mit Führungsaufgaben betraut, ein stärker entwickeltes Arbeitsethos hat als diejenigen, die wir nun führen dürfen/sollen/müssen.
Mir erscheint es nachgerade logisch, dass die Zusammenarbeit mit der jüngeren Generation, insbesondere den Berufsanfängern mühsam erscheint. „Unsere“ Regeln (arbeiten, bis wir fertig sind; nicht das erstbeste nehmen, vielleicht kann es noch bessere Lösungen geben; eben: „Qualität kommt von Qual“) treffen nicht deren Vorstellungen von Arbeitsleben. Schnell ergeben sich Konflikte.
Das hat nicht nur was mit den durchs mediale Dorf gejagten „digital natives“ zu tun, ich erlebe das auch bei eher analog orientierten Studentinnen und Studenten. Und erinnere mich aus früheren Positionen an Situationen voller Unverständnis auf beiden Seiten. Um die eigenen Vorstellungen durchzuziehen und die Deadlines zu halten, scheint oft nur noch der Befehlston zu helfen. Der bei „der jungen Generation“ noch schlechter ankommt als er es bei unserer schon tat. Nur haben wir eben trotzdem mitgemacht – die meisten jedenfalls, die ich kenne. Vielleicht auch, weil wir wissen, wir gut es sich anfühlen kann, wenn mal alles gegeben hat.
Mit ein bisschen Abstand betrachtet, liegt trotzdem eine Chance in diesem Generationenkonflikt: Qualität muss vielleicht nicht nur mit Qual errungen werden, zumindest mit weniger. Abende müssen nicht zwangsläufig im Büro stattfinden. Ergebnisse können besser und schneller erzielt werden, wenn alle mit Begeisterung daran arbeiten.
Nur wie? Das ist nicht für alle gleich zu beantworten - aber es lohnt, der Frage nachzugehen. Indem man sich z.B. eine Teambesprechung lang Zeit nimmt, an das Problem erinnert und einfach (ohne Vorwurf in der Stimme) die Frage stellt: „Wie gehen wir das nächste Mal mit einer Deadline um, zu der wir ein besonders kreatives, effizientes, innovatives oder wie auch immer anspruchsvolles Ergebnis liefern müssen?“ Ohne Kritik an der letzten Zusammenarbeit, sondern immer mit dem Blick nach vorn moderiert: „Wie kriegen wir es zusammen besser hin?“ – Erfordert konsequente Moderation, die sich jedoch lohnt, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Für die Umsetzung ist es wichtig, die neuen Regeln schriftlich für alle einsehbar festhalten und ggf. ToDos zu verteilen.
Die im Berufsleben nachwachsende Generation hat offenbar stärker als wir das Bedürfnis, über ihre Art des Arbeitens mitzubestimmen. Wenn wir uns darauf einlassen, können wir durchaus gewinnen – nicht nur mehr Freizeit, sondern auch und vor allem bessere Ergebnisse. Im kleinen Maßstab ist das übrigens genau das, was unter „selbstorganisierendes System“ bzw. „lernende Organisation“ beschrieben wird. Es geht leichter in einer Organisation, die Selbstorganisation auch im großen Maßstab zulässt und fördert. Aber es hilft auch schon im eigenen Wirkungsbereich. Gibt es Beispiele, die anderen Mut machen?