Ambivalenz der Macht

März 01 2010

Der diskrete Kampf gegen die Kreativarbeiter

Letzte Woche war es hier sehr ruhig, weil ich vollauf mit meiner Steuererklärung beschäftigt war. Dabei ist mir ein Aspekt von Macht aufgefallen und im Gespräch mit anderen seine mangelnde Eignung für diese, unsere Welt sehr deutlich geworden:

Um als Freiberufler anständig leben zu können, braucht man zunächst mal Aufträge. So man die denn hat, sollte mal tunlichst dafür sorgen, die Erträge durch Kosten zu schmälern. Dafür gibt es sinnvolle Anlässe wie neue Computer, wenn die alten nicht mehr taugen. Oder auch ein repräsentativeres Büro statt des angemieteten Einzel-schreibtisches in einem Großraumbüro, damit man auch mal Kunden empfangen kann.

Wirklich lohnend ist aber – so lernte ich – ein Auto. Am besten eines, das man nicht nutzt. Im Idealfall sollte es bizarrerweise nur herumstehen, so senkt es am besten die Erträge. Daher sind Autos sehr beliebt als Grund für so genannte Ansparabschrei-bungen in Steuererklärungen.

Wenn es um künftige Investitionen geht, sollten logischerweise also auch Projekte wie ein Buch oder eine Studie steuerlich geltend gemacht werden können. Ist aber Fehlanzeige.

Schon die Abwrackprämie konnte ich im Hinblick auf eine zeitgemäße oder gar zukunftsorientierte Verkehrspolitik nicht verstehen. Der oben aufgezeigte dauerhafte steuerliche Zusammenhang aber ärgert mich richtiggehend. Ich weiß, dass wir in einem Land leben, das der Automobilindustrie viele Arbeitsplätze verdankt sowie einen exzellenten Ruf in der Welt. Ich habe für Automobilhersteller als Beraterin gearbeitet und habe großen Respekt vor diesen sehr komplexen Projekten, bis das erste Auto vom Band rollt oder gar gekauft wird.

Aber: Wir sind und werden täglich mehr eine Gesellschaft, die vom intelligenten Management und Ausbau ihres Wissens lebt. Alle Ballungsräume und Städte bemühen sich um die Förderung der kreativen Berufe. Nur: Diese leben von Projekt zu Projekt, häufig sind diese mit Investitionen verknüpft, um überhaupt mit Geschäftspartnern ins Gespräch zu kommen, sich einen Namen in einer bestimmten Szene zu machen, Investoren zu überzeugen etc. pp.

Doch was nutzen all die Kreativitäts-Förderprogramme, wenn die finanziellen Anreize – die nun mal existentielle Bedeutung haben – derart schief gestrickt sind? Wenn die Macht der Autokonzerne sich so perfide im Steuersystem widerspiegelt – dagegen sind die Hoteliers aus meiner Sicht Waisenknaben. Ganz zu schweigen von einem Steuersystem, welches einem Geld abverlangt, bevor man es überhaupt nachweislich verdient hat?

Fazit: Ich will nicht nur ein Steuersystem, das auf einen Bierdeckel passt – ich möchte auch eines, das von allen relevanten Erwerbsgruppen auf faire Art und Weise mitbestimmt wird und dessen Anreizstruktur unserer Zukunft gerecht wird. Also: Was können wir tun?

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