Ambivalenz der Macht

März 16 2010

Die überzeugende Kraft des Loslassens

Vergangene Woche führte ich einige Gespräche zu der spannenden Frage, inwiefern es gelingen kann, andere von der eigenen Ansicht zu überzeugen – insbesondere in „Machtfunktionen“ wie beispielsweise als Lehrer, Eltern oder Professorin oder Professor und natürlich auch als Vorgesetzte.

Meiner Überzeugung nach erzeugt missionarischer Eifer per se Widerstand – ganz unabhängig von Machtpositionen. Sie jedoch können den Widerstand sogar zusätzlich verstärken, wenn die Machtposition des Anderen als unangehm empfunden wird.

Das Dilemma ist für alle nicht einfach zu ertragen, da jede Seite davon ausgeht, dass ihr Anspruch, Vorschlag oder Ansinnen der zielführende ist. Also zum Beispiel Vorgesetzte, die nach eingehender Beratung mit ihresgleichen sicher sind, dass ein gefasstes Ziel das Unternehmen weiter bringen wird. Auf der anderen Seite Mitarbeiter, die - vor ihrem persönlichen Erfahrungshorizont, zum Beispiel mit Kunden -  der Überzeugung sind, dass ganz andere Ziele und Maßnahmen notwendig sind.

In der Süddeutschen Zeitung vom Freitag las ich im Teil „Karriere“ ein Interview mit einem erfolgreichen Schulabbrecher: http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/872/503100/text/ und fand vor allem bestechend, dass er das, was er in der Schule lernen sollte, sinnlos fand und daher die Lust verlor. Er gibt zu, dass er Angst um seinen Sohn hat, der nun ebenso wie er damals die Schule schmeißt. Aber er hat auch Vertrauen, dass sein Sohn das für ihn richtige, den persönlichen Sinn, suchen und finden wird.

Dieses Vertrauen gibt ihm die Kraft, seinem Sohn nicht seine Vorstellungen „aufzudrücken“. Auch die Kraft, nicht enttäuscht zu sein, was ebenfalls eine starke Wirkung haben kann. - Man kann argumentieren, dass Vertrauen in persönlichen Beziehungen wichtig ist, in Arbeitsumgebungen derlei Befindlichkeiten jedoch keine Rolle spielen sollten. Tun sie aber.

Man kommt gar nicht umhin: Sinn und Vertrauen reduzieren die anstrengende Komplexität in Organisationen. Sinnverlust und Misstrauen können sie ins Unerträgliche steigern. Daher ist es meines Erachtens eine der vornehmsten Aufgaben von Vorgesetzten, für Sinn-Produktion und/ oder -Vermittlung zu sorgen. Sie moderieren dann Sinn-Produktion, geben also keine Lösung vor oder lassen sie nur pseudomäßig mitentwickeln. Räumen den Mitarbeitern ein, dass sie - mit professioneller Moderation - gemeinsam eine bessere Antwort finden als die oder der Vorgesetzte allein. Entwickeln zunächst also selbst Vertrauen in die Mitarbeiter und einen solchen Prozess.

Dies gilt insbesondere in solchen Umgebungen, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter große inhaltliche und formale Freiheiten bei der Arbeit haben wie beispielsweise in Hochschulen, Unternehmensberatungen oder Ministerien. Die Qualität dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und somit die ihres Arbeitgebers insgesamt speist sich aus ihrer Motivation, neue Lösungen zu entwickeln, ständig Neues zu erlernen und in ihre Arbeit zu integrieren. Es lohnt sich jedoch auch in nicht wissensgetriebenen Branchen, die brachliegenden Ressourcen der Sinnstiftung anzuzapfen. Und sei es nur aus dem im besten Sinne egoistischen Grund, damit Führungsaufgaben (wieder) mehr Spaß machen können. 

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