Plädoyer gegen eine Sinndiät
In der “Psychologie heute” vom April 2010 findet sich ab Seite 21 ein Artikel über Sinn von Heiko Ernst. Gesehen und gekauft, denn eine der wesentlichen Erkenntnisse während meiner Dissertation war, dass Machtpositionen zur Vermittlung oder – besser noch – Produktion von Sinn genutzt werden sollten. Dieser Sinn entsteht meines Erachtens, indem Lösungen im Sinne der Nutzerinnen und Nutzer entwickelt werden. Also sollten bspw. diejenigen Mitarbeiter/innen, die “an der Front” arbeiten, bei der Suche nach Lösungen integriert werden. Wenn deren Interessen gegen die anderer Stakeholder stehen, greift die Moderationsfähigkeit und Lösungsorientierung guter Führungskräfte. Das ist meines Erachtens genau der spannende Punkt, wo echte Innovationen entstehen können – wenn die Kommunikationskultur dafür besteht.
In besagtem Artikel wird der Philosoph Odo Marquard zitiert. Er empfehle uns eine “Sinndiät”, die Erwartungen in puncto Sinn sollten auf ein menschliches Maß heruntergeschraubt werden. “Wer den Sinn direkt haben will, will nicht lesen, sondern Sinn, (…) nicht Beruf, sondern Sinn (…). Sinn ist stets nur auf dem Weg über Beruf, Familie, Kunst, Einsamkeit, Wissenschaft, Pflichten, Neigungen, Mitleid und so weiter zu erreichen.”
Mir scheint hier ein grundlegendes Missverständnis vorzuliegen. Sinn ist aus meiner Sicht kein luxuriöses Vergnügen für übersättigte Wohlstandsbürger, sondern ein essentielles Bedürfnis aller Menschen. Eines, das im Gegensatz zu Schokoriegeln auch bei übermäßigem Genuss nicht schädigt.
Wir erleben viel zu wenig Sinn in unserem Alltag - unter anderem, weil es in unseren komplexen Systemen zunehmend schwierig ist, Sinn zu produzieren. Dazu fehlen uns trotz Mut machender Einzelfälle die oben genannten Führungs- und Moderationsfähigkeiten auf breiter Front , ob in Wirtschaft, Verwaltung oder Politik.
Ich sehe es vielmehr so, dass insbesondere wir Wohlstandsbürger die Pflicht haben, Sinn zu produzieren und zu vermitteln und darin immer besser zu werden. Sei es als Führungskräfte oder Berater/innen. Als Lehrende oder Eltern. Als Nachbarn oder Bürger/innen. Denn sowohl allein, aber insbesondere gemeinsam produzierter Sinn ist ein mächtiger Motivator, um den Neigungen und Pflichten in Familie, Beruf oder Kunst nachzugehen. Dann schmecken meiner Erfahrung nach sogar die Pflichten süß, weil sie eben sinnvoll erscheinen.