Morgenluft für die Sekundärtugenden
Dieser Tage erleben wir, wie mit verzweifelten Aktionen versucht wird, den Euro zu stabilisieren – ob es die richtigen Entscheidungen waren oder nicht, werden wir erst im Nachhinein beurteilen können.
Jetzt schon im Nachhinein erkennbar ist, dass die Wurzel des aktuellen Problems sehenden Auges gepflanzt wurde. Der „Sonntagsökonom“ der FAS vom 9. Mai http://www.faz.net/s/Rub3ADB8A210E754E748F42960CC7349BDF/Doc~E3B638FDC17884A448F2D6DA084996731~ATpl~Ecommon~Scontent.html meint: „Der Kardinalfehler geschah 1998, als Belgien und Italien in den gar nicht so exklusiven Klub zugelassen wurden, obwohl beide Länder mit einem Schuldenstand von mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts die Eintrittskriterien nicht erfüllten. Die Zulassung Belgiens und Italiens zur Währungsunion verhinderte, zwei Jahre später Griechenland den Eintritt zu verweigern.“
Ich beobachte das grundsätzliche Problem aktuell auf allen möglichen Ebenen, sowohl in meiner Arbeit mit Studierenden als auch mit Kunden. In einer immer komplexer werdenden Welt können wir uns nicht mehr darauf verlassen, dass Ordnungsprinzipien und Regeln der Zusammenarbeit a) einfach vorhanden sind und b) von allen konsequent eingehalten werden. Der Wertekonsens driftet auseinander, auch im eigenen beruflichen und privaten Alltag. Dies eröffnet die Bühne für Konflikte aller Art.
Das Bewusstsein, dass man in seinem Aktionsbereich – sei es das Studienprojekt, die Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen – ebenfalls verantwortlich ist für das Gemeinwohl, scheint mir dafür grundlegend, aber oft schwer akzeptabel. Denn im Umkehrschluss heißt das, dass man sein vermeintliches Recht vielleicht bei einer höheren Instanz einklagen kann, sie dem aber nicht gerecht wird – wir also den Glauben an den Weihnachtsmann sozusagen endgültig aufgeben müssen. Oder auch an den Chef, der weise in Konfliktfällen entscheidet – viele Vorgesetzte sind dafür gar nicht ausgebildet und entsprechend überfordert.
Vertreter/-innen der Politik sind gut darin, ihre Verantwortung für das Gemeinwohl zu bekunden. Gemessen werden sie an ihren Entscheidungen, wobei auch die Entscheidungen in Nicht-Krisensituationen weitreichenden, fatale Auswirkungen haben können, siehe das oben benannte Beispiel des Sonntagsökonoms. In ihre Entscheidungen gehen aber mitnichten nur Interessen des Gemeinwohls ein: Lesenswert in diesem Zusammenhang das Interview mit dem Systemtheoretiker Prof. Helmut Willke in der aktuellen brandeins, betitelt mit „Stochern im Nebel“ über die (Ir-)Rationalität irrationalen politischen Handelns.
Bewusstsein ist viel wert, doch die eigentlich sichtbare Arbeit beginnt erst im Anschluss. Regeln müssen gemeinsam entwickelt und – was meiner Erfahrung nach die meisten Bauchschmerzen bereitet – Maßnahmen, Prozesse und Verantwortliche für den Moment definiert werden, wenn gegen Regeln verstoßen wird.
Die Tücke der mangelnden Konsequenz ist der ständige Begleiter von Regeln: Wenn ich sie – ob als Einzelne/r oder als Kollektiv – nicht einhalte, verlieren sie ihre Wirksamkeit. Darum konnte man Griechenland den Zutritt zur Währungsunion nicht verweigern. Mit der gleichen selbstgebauten moralischen Falle wird man weiteren europäischen Staaten, die kurz vor dem finanziellen Ruin sind, ähnlich geartete Hilfen nicht verweigern können. Im Kern geht es im ersten Schritt um die Kompetenz, Regeln zu entwickeln, die förderlich für das Gemeinwohl und für die Gemeinschaft einhaltbar sind. Und im zweiten Schritt um den Mut und die Konsequenz, dies umzusetzen. Auch, wenn der Mut „nur“ aus der aktuellen Verzweiflung erwächst.