Regeln zum Glücklichsein
Das Thema „Regeln“ wird in der aktuellen Literatur zur Organisationsberatung erstaunlicherweise nicht intensiv behandelt – zu meiner Freude fand ich jedoch einiges in der Anthropologie und Ethnologie.
Kurzes Summary und eine Buchempfehlung: Keine Gesellschaft kommt ohne (unbewusste oder bewusste) Regeln aus, selbst wenn sie nicht schriftlich festgehalten sind. Mir scheint nach erster Literaturrecherche: Je komplexer ein soziales System wie beispielsweise unsere modernen, urban geprägten Gesellschaften, desto mehr muss immer wieder neu ausgehandelt und möglichst auch schriftlich fixiert werden.
In „einfacheren“ sozialen Strukturen wie heute noch erhaltenen Stämmen scheint es aufgrund der geringeren Komplexität weniger Regeln zu geben. Deren Nichteinhaltung hat aber mitunter auch existentielle Konsequenzen – zum Beispiel die Ächtung von jemandem, der sich nicht an wichtige Regeln wie Mithilfe bei Jagd oder Ernte oder gar das Tötungsverbot von Stammesmitgliedern gehalten hat.
So zum Beispiel zu lesen im Buch „Das glücklichste Volk“ von Daniel Everett, in dem er das Volk der Pirahã im Dschungel Brasiliens aus der Sicht eines Sprachforschers beschreibt. Beeindruckend fand ich vor allem die Normen der Erziehung, die – in einer für mich bemerkenswerten, teil schockierenden Mischung aus Liebe und Schonungslosigkeit - vor allem dazu dienen, dass kein Mitglied dieser Gemeinschaft erwartet, dass die anderen für sein Wohlergehen oder Glück verantwortlich sind. Vielleicht ist das ja der Schlüssel zum Glück?
Ich bin froh, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Frage der Gewalthoheit zumindest juristisch geklärt ist (will sagen, im Fall eines Angriffs hilft das Pochen auf die Justiz nur bedingt) und die Folgen meines Tuns absehbar. Gleichwohl gelange ich mehr und mehr zu der Überzeugung, dass wir zum einen schneller in der Lage sein müssen, passende Regeln in unseren fluideren Gemeinschaften zu entwickeln – siehe den zähen und dem Tempo des behandelten Themas nicht angemessenen Prozess, bis unser Innenminister nun seine 14 Thesen zum Internet vorgestellt hat. Die im Übrigen noch weit davon entfernt sind, als verbindlich zu gelten.
Und zum anderen scheint es mir notwendig, in der Einhaltung dieser Regeln in der Breite souveräner zu agieren. Das fällt mir zum Beispiel immer in der U-Bahn auf, wenn eine/r raucht oder laut Musik hört, sich viele daran stören – aber keine/r was sagt. Dito im Kreise von Kolleginnen und Kollegen, wenn die Aufgabe nicht wie besprochen erledigt, die Nachricht nicht ausgerichtet oder auch einfach nur die halbvollen Kaffeetassen immer auf dem Nachbarschreibtisch stehen bleiben.
Vielleicht passt es besonders gut, dass ein Sprachforscher die Pirahã erforscht hat. Mir kommt es mitunter wie Sprachunfähigkeit oder gar -losigkeit vor, wenn an Vereinbarungen, Normen oder Regeln nicht erinnert werden kann.