Sinn, Scham und Wertschätzung
“Aber obwohl der Sinn gemeinsam ist, leben die Vielen, als hätten sie eine eigene Einsicht.” Heraklit. In: Vorländer, Karl. Geschichte der Philosophie mit Quellentexten. Band 1. Reinbek 2002
Inspiriert durch eine Mail aus Ghana und den dortigen Problemen des alltäglichen Sinnabgleichs suchte ich nach einem Aufhänger und fand das o.g. Zitat. aus der Antike. Ich muss zugeben, es beschämt mich. Denn ich bin überzeugt, dass es einen kollektiven, möglicherweise nur jeweils temporären Sinn gibt, der allein durch eine konstruktive Form der Kommunikation erkennbar wird. Beispielsweise in Design-Prozessen lässt sich dies gut beobachten: es gibt die für die aktuelle Zeit beste Form, die beste Darstellung und oftmals besticht sie sogar durch Zeitlosigkeit.
Meine Beschämung (und es ist durchaus nicht nur ein „Fremdschämen“) empfinde ich, weil wir trotz des langen Zeitraums seit Heraklits Aussage noch so viel Wegstrecke vor uns haben.
Nun gehört zu konstruktiver Kommunikation Wertschätzung. Daher: Es ist eine Errungenschaft, dass wir mit einer solch hohen sozialen Sicherheit leben, mit einem de jure Gewaltmonopol des Staates, mit einer ebenfalls einklagbaren Pressefreiheit, seit 65 Jahren ohne Krieg – wenn auch „nur“ auf deutschem Territorium. All dies sind u.a. Errungenschaften konstruktiver Kommunikation, die archaischere Formen des Umgangs für die Konfliktpartner nicht verfolgenswert erscheinen lassen.
Ich pflege die Hoffnung, dass neue Dialogformate wie bspw. OpenSpaces tradierte Muster auflösen und so der gemeinsame Sinn gewissermaßen schneller in Erscheinung treten kann. Allein schon, damit wir die nach wie vor sinnvollen Errungenschaften eines demokratischen Rechtsstaates für uns erhalten.