Machen Noten die Freude am Lernen kaputt? Von einer wachsenden Überzeugung.
Vorweg: Das ist die private Meinung einer Lehrenden und gleichzeitig Lernenden, die ihre ersten Erfahrungen mit dem gegenwärtigen Prüfungssystem nach der „Bologna-Reform“ macht.
Ich ziehe (mehr oder minder innerlich) die Augenbrauen hoch, wenn die Studierenden bereits in den ersten Veranstaltungen fragen, ob dieser oder jener Lehrinhalt „klausurrelevant“ sei. Eigentlich verhalten sie sich aber nur konsequent. Das, was Lernen meiner Erfahrung nach so attraktiv macht: Sich selbst befähigen, neue Zusammenhänge erschließen, seiner Neugierde und seinem Instinkt auf der Suche nach Einsichten und Informationen nachgehen, die Hoffnung, das große Ganze eines Tages verstehen zu können … all das wird im gegenwärtigen System im besten Fall in engen Bahnen gelenkt, im weniger guten Fall erstickt.
Die Noten setzen dem noch eines drauf, denn sie werden an die Stelle all dessen gesetzt, was ich im Absatz zuvor beschrieben habe. Wenn beispielsweise der Inhalt nicht interessiert und nur „für die Note“ gelernt wird, wird die Freude am Lernen gewissermaßen unterminiert. Reinhard Springer hat dieses Phänomen für Incentives und andere Leistungsanreize in Unternehmen beschrieben: An Stelle der intrinsischen Motivation tritt das zunehmend als sinnentleert empfundene Streben nach noch mehr Geld, mehr Incentives, mehr Gummibäumen im Eckbüro.
Wenn wir Ärzte haben wollen, die wirklich an unserer Heilung interessiert sind; Rechtsanwälte, die für eine faire Lösung kämpfen und insgesamt Dienstleister und Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir gern zusammenarbeiten, sollten wir meiner Überzeugung nach über brauchbare Alternativen zur herkömmlichen Zensureneinöde nachdenken. Und über Möglichkeiten, sie schnell ausprobieren zu können, damit diese langsame Bildungslandschaft Impulse bekommt, sich zu ändern.
Nachtrag aus: Free at Last: The Sudbury Valley School von Daniel Greenberg
